Eine kurze Geschichtsstunde zu Gender Dysphorie

1948 wurde der bekannte Sexualwissenschaftler Dr. Alfred Kinsey von einer Frau kontaktiert, deren männliches Kind beharrlich darauf bestand, dass es sich tatsächlich um ein Mädchen handelte und dass etwas ziemlich schiefgelaufen war. Anstatt zu versuchen, die Verhaltensweisen ihrer Tochter zu unterdrücken, wollte die Mutter ihr helfen, die Person zu werden, die sie sein wollte. Kinsey wandte sich an einen deutschen Endokrinologen namens Dr. Harry Benjamin, um zu sehen, ob er dem Kind helfen könnte. Dr. Benjamin entwickelte dann ein Protokoll der Östrogentherapie für den Teenager und arbeitete mit der Familie zusammen, um chirurgische Hilfe zu finden.

Anschließend verfeinerte Benjamin sein Protokoll und behandelte im Laufe seiner Karriere Tausende von Patienten mit ähnlichen Gefühlen. Er weigerte sich Bezahlung für seine Arbeit anzunehmen. Stattdessen nahm er als Lohn die Befriedigung über die Erleichterung, die er seinen Patienten gewähren konnte, an und nutzte ihre Behandlung, um sein Verständnis des Zustandes zu erhöhen. Er prägte 1973 einen Begriff für dieses Gefühl der Inkongruenz: Gender Dysphorie. Leider wird dieser Begriff in den USA erst seit 2013 verwendet da sich die „American Psychiatric Association“ stattdessen für den Begriff „Gender Identity Disorder“ entschied.

Wenn Sie lieber Leser eine Trans-Person sind, haben Sie vielleicht schon einmal den Namen Harry Benjamin gehört, wenn auch wahrscheinlich in einem negativen Zusammenhang. Im Jahr 1979 wurde sein Name (mit seiner Genehmigung) bei der Gründung der „Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association (HBIGDA)“ verwendet, die das Werk „Standard of Care (SoC) für Transgender“ herausgab. Dieser SoC wurde als „Harry-Benjamin-Diagnoseskala“ bekannt und war in Bezug auf die Diagnose von Gender Dysphorie äußerst einschränkend. Die Patienten wurden auf einer sechsstufigen Skala eingestuft, je nachdem wie schwer ihr Leidensdruck und wie „dysfunktional“ ihr sexuelles Verlangen war. Wurden Sie nicht auf Stufe 5 oder höher eingestuft und waren demnach kein „echter Transgender“, wurde die Behandlung normalerweise abgelehnt.

Das Problem war, das Stufe 5 und 6 erforderten, dass Sie sich ausschließlich für Ihr eigenes Geburtsgeschlecht interessieren mussten. Die Transition musste Sie also heterosexuell machen; schwul, lesbisch und bisexuell waren nicht erlaubt. Sie mussten auch stark unter Ihren Genitalien leiden und bereits ohne Behandlung als Ihr inneres Geschlecht leben. Viele Transgender haben diese Einschränkungen durch Community-Coaching und gestellte Präsentationen umgangen, aber für viele Personen, mich eingeschlossen, wurde angenommen, dass Sie „nicht Trans genug“ waren, um eine Transition zu rechtfertigen da sie nicht alle Kriterien erfüllten.

Durch wachsende Akzeptanz und steigendes Verständnis für Trans Personen stieg der Druck auf die HBIGDA. Im Jahr 2011 organisierte sich die HBIGDA neu und nahm den neuen Namen „World Professional Association for Transgender Health“ (WPATH) an. Unter Anleitung von Transgender-Personen (eine Premiere für die Organisation) veröffentlichte WPATH dann einen völlig neuen „Standard of Care“ (SoC, Version 7, der erste seit zehn Jahren), der die Benjamin-Skala aufgab und sich auf bestimmte individuelle Symptome konzentrierte. Weiterhin gab man die Verbindung von Geschlecht und Sexualität auf. Zwei Jahre später, im Jahr 2013, glich die „American Psychiatric Association“ ihre diagnostischen Kriterien an die des WPATH SoC an und aktualisierte ihr Handbuch für psychische Störungen (DSM) Version 5. Darin ersetzten sie die „Gender Identity Disorder“ durch „Gender Dysphoria“. Mit dieser Änderung wurde die medizinische Transition für alle Trans Personen in den Vereinigten Staaten verfügbar.

Cis-Gen·der - Adjektiv
Aus lat. *cis-* „diesseits“. Bezeichnet Übereinstimmung von Geschlechtsidentität (Gender) und biologischem Geschlecht.

Aus diesem Grund ist die Präsenz von Trans-Personen auf der ganzen Welt im letzten Jahrzehnt plötzlich explodiert. Mit vereinfachtem Zugang kamen größere Zahlen, mit größeren Zahlen kam mehr Sichtbarkeit, mit mehr Sichtbarkeit kam mehr Bewusstsein und mit mehr Bewusstsein bekamen mehr Menschen Zugang zur Behandlung. Eine 2014 durchgeführte Studie ergab, dass sich 0,6% der Erwachsenen und 0,7% der Jugendlichen in den USA als Transgender identifizieren würden. Eine 2016 durchgeführte Studie ergab, dass sich 1,8% der Schüler im High-School-Alter als Transgender identifizieren würden. Eine 2017 von GLAAD durchgeführte Umfrage ergab, dass satte 12% der Befragten zwischen 18 und 34 sich nicht als Cis-Gender identifizierten.

Transgender-Personen kommen aus den Verstecken; wir sind überall.

Also was ist Gender Dysphorie?

Sowohl bei Cis-Gender Personen als auch bei Transgender-Personen gibt es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich Gender Dysphorie ausschließlich auf physische also körperliche Probleme mit dem eigenen Körper bezieht. Diese Überzeugung, dass physische Probleme für die geschlechtsspezifische Dysphorie von zentraler Bedeutung sind, ist in der Tat ein Missverständnis denn es ist nicht einmal ein Hauptbestandteil der Diagnose zur geschlechtsspezifischen Dysphorie. Gender Dysphorie umfasst eine Vielzahl von Aspekten des Lebens, einschließlich der Art und Weise

  • wie Sie mit anderen interagieren,
  • wie andere mit Ihnen interagieren,
  • wie Sie sich kleiden,
  • wie Sie sich verhalten,
  • wie Sie in die Gesellschaft passen,
  • wie Sie die Welt um sich herum wahrnehmen und ja,
  • wie Sie sich auf Ihren eigenen Körper beziehen.

Infolgedessen haben sich Befürworter des WPATH SoC 7 und des DSM-5 angewöhnt zu sagen, dass man keine Dysphorie haben muss, um Transgender zu sein. Diese Aussage wird oft wie ein Mantra wiederholt, da sie Menschen, die kein wesentliches körperliches Unbehagen verspüren, darüber informiert, dass sie möglicherweise dennoch Transgender sind.

Im Prinzip ist Gender Dysphorie ein Gefühl der Unrichtigkeit, das dem Selbst innewohnt. Es gibt keinen logischen Rückhalt für diese Unrichtigkeit, es gibt nichts, was es erklärt. Man kann nicht beschreiben, warum man so fühlt, es ist einfach so. Dinge fühlen sich für sie falsch an, auch wenn Sie selbst nicht wissen, warum die Dinge falsch sind. Deshalb kann es schwierig sein, es richtig zu identifizieren.

Evey Winters hat es in ihrem Dysphorie-Beitrag äußerst treffend beschrieben.

Haben Sie jemals irgendwo an einem öffentlichen oder formellen Ort gesessen und plötzlich juckt Ihnen die Unterseite Ihres Fußes? Es ist nicht so, dass Sie Ihre Schuhe genau dort ausziehen und kratzen können, um das Gefühl zu lindern. Im Inneren sterben sie ein bisschen, während dieser Juckreiz wächst und wächst. Am Ende könnten Sie die nächste Person erschlagen, die sie anspricht.

Oder als ich jünger war, habe ich morgens vor der Schule Kabelfernsehen geschaut. Das Signal war in den 90ern auf dem Land schlecht; dennoch schaltete ich von Zeit zu Zeit meinen Lieblingskanal ein, um Power Rangers anzusehen, während ich meine Frühstücksflocken aß. Der Ton stammte von einem anderen Kanal (normalerweise der Wetterkanal). Das Video war in Ordnung. Der Ton war in Ordnung. Aber dennoch passten sie nicht zusammen? Das ist die Art von Frustration, die Sie als Kind den ganzen Tag begleitet.

Es ist das Gefühl, das Sie bekommen, wenn Sie den Kellner nach einer kalten Cola Zero fragen und erhalten die Antwort: “Ist Pepsi in Ordnung?”

Wie wenn man weiß, dass etwas nicht stimmt man aber nicht in der Lage ist etwas dagegen zu tun.

Die Art und Weise, ich es beschrieben würde, ist wie das Tragen eines Erwachsenenhandschuhs als Kind. Sie können Ihre Hand in den Handschuh legen und Ihre Finger in die Finger des Handschuhs einführen, aber Ihre Geschicklichkeit mit dem Handschuh wird stark beeinträchtigt. Sie können vielleicht etwas aufheben, aber Sie können damit nicht so umgehen, wie es ein Erwachsener könnte. Die Dinge passen einfach nicht richtig.

Geschlechtsspezifische Dysphorie ist im Kern einfach eine emotionale Reaktion des Gehirns, um mitzuteilen, dass etwas nicht passt. Diese Inkongruenz ist so tief in den Subsystemen des Gehirns verankert, dass es keine offensichtliche Botschaft darüber gibt, wo das Problem liegt. Wir können es nur über die Emotionen identifizieren, die es auslöst. Unser Bewusstsein erhält entweder positives (Euphorie) oder negatives (Dysphorie) Feedback, je nachdem, wie gut unsere aktuelle Umgebung mit unserem inneren Selbstgefühl übereinstimmt. Ein Teil der Transition besteht darin, zu lernen, diese Signale zu erkennen.

Cis-Gender-Personen empfangen die Signale ebenfalls. Da diese aber normalerweise mit ihrer Umgebung übereinstimmen, halten sie sie für selbstverständlich. Es gab jedoch einige bemerkenswerte Fälle, in denen eine Cis-Gender-Person in eine Situation gebracht wurde, in der sie unter geschlechtsspezifischer Dysphorie leidet. Versuche, Cis-Gender-Kinder als das andere Geschlecht zu erziehen sind immer gescheitert, wenn sich das Kind letztendlich gegen das Aufgezwungen Geschlecht auflehnt.

Diese Impulse von Euphorie und Dysphorie, Erregung und Abneigung manifestieren sich auf viele verschiedene Arten, einige offensichtlich, andere subtil. Die Dysphorie ändert sich auch im Laufe der Zeit und nimmt neue Formen an, wenn man vom „vor dem Bewusstwerden“ zum „Verstehen“ und „durch die Transition“ geht. Das Ziel dieses Artikels ist es, diese Manifestationen in ihre verschiedenen Kategorien zu unterteilen und zu beschreiben, damit andere lernen können, sie zu erkennen. Dies ist ein sehr langer Aufsatz, daher habe ich ihn in mehrere Seiten unterteilt.

Zuerst muss ich jedoch etwas sehr Wichtiges hervorheben, das so wichtig ist, dass ich es in große, fette Buchstaben schreibe:

JEDE TRANS-PERSON ERLEBT DYSPHORIE ANDERS UND IN UNTERSCHIEDLICHEN INTENSITÄTEN

Es gibt nicht die eine Trans-Erfahrung, es gibt keine Standardgefühle und Beschwerden, es gibt nicht die eine Trans-Geschichte. Jede Trans Person erlebt Dysphorie auf ihre eigene Weise und in ihrem eigenen Ausmaß. Was die eine Person stört, muss eine andere Person nicht stören.

Ok, jetzt da das aus dem Weg, lass uns ans Eingemachte gehen.